Teil 1                  

Teil 2                

Teil 3        

Teil 4          


Liebe Kunstfreunde

Danke für Euer Interesse an meiner neuen Ausstellung verloren. Ich zeige Euch heute zum 1. Mal Bilder, die ich mit Acrylfarben auf Holz gemalt habe. Zum Thema „verloren“ gibt es wieder unzählige Herangehensweisen. Jeder von uns hat schon mal etwas verloren, vielleicht ein wichtiges Dokument, einen Geldbeutel, einen Schlüssel. Wahrscheinlich haben wir alle auch schon einmal einen Menschen verloren, sei er nun gestorben oder hat sich von uns abgekehrt. Ihr habt alle schon mal ein Spiel verloren, einen Wettkampf, einen Streit. Ich kann auch meinen Mut verlieren, meinen Glauben, meine Contenance, meine Selbständigkeit, meine Selbstachtung, meine Fröhlichkeit, meine gute Laune, meinen Optimismus. Es ist möglich, dass ich meine Gallenblase, meine Milz, meinen Blinddarm, einen Finger oder Zehen, mein Bein, einen Arm, mein Augenlicht, mein Gehör, meine Sprache verliere. Ich habe in meinen langen Berufsjahren viele Menschen kennen gelernt, die irgendetwas Wichtiges und Liebgewonnenes verloren haben und darüber sehr traurig waren. Auch ist es nicht leicht für uns Pflegekräfte mit Patienten umzugehen, die lernen müssen ohne bestimmte Gliedmaßen zurechtzukommen, weil sie ohne Amputation sonst gestorben wären. Das sind tragische Schicksalsschläge die nur schwer zu verkraften sind und die sie alleine nicht bewältigen können. Ich glaube am Schlimmsten ist es wenn wir die Menschen verlieren, die wir lieben oder die unsere besten Freunde sind, sei es durch Streit, Gleichgültigkeit oder Tod.

Während den 30 Jahren, die ich als Altenpflegerin gearbeitete habe, musste ich sehr vielen Menschen zuschauen wie sie ihren Geist verloren haben. Sie verloren jedes Jahr ein bisschen mehr von ihrem Gedächtnis aufgrund einer Demenz. Zuerst sind es nur banale alltägliche Dinge, später nach Jahren aber auch wichtige Ereignisse, Zusammenhänge, Strukturen oder Erfordernisse. Ihr Denken wird immer einfacher und gleichzeitig aber auch vielschichtiger. Durch den Verlust ihres Gedächtnisses wird mit den Jahren sogar ihre eigene Identität bedroht, denn sie wissen nicht mehr woher sie abstammen, wer sie sind und wer ihre Kinder und Enkel sind. Sie erkennen sich und ihre Familie nicht mehr. Der Bezug zur Realität geht gänzlich verloren. Ihr Geist ist verwirrt und wird unbedeutend. Sie verlieren durch den Gedächtnisverlust fast alles was ich vorhin aufgezählt habe, denn die Erinnerung an ihr gesamtes langes Leben geht verloren. Der Zerfall des Denkens beinhaltet leider mit den Jahren auch den Verfall des Körpers. Sie vergessen zu essen, zu trinken, zu gehen, zu lachen, zu reden. Sie vergessen die Welt. Sie vergessen sich. Ich versuche mit meinen Bildern das Verloren Sein im Menschen darzustellen. Sie sind alleine und wirken sehr einsam. Egal, ob sie in einer Gruppe leben oder wirklich alleine sind. Verloren kann man überall und unter sehr vielen Menschen sein. Ob sie jung oder alt sind spielt dabei auch keine Rolle. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen alleine. Krank. alt, sozial isoliert, verlassen. Ich male sie in einer Art Mosaik, um zu verdeutlichen wie sie im Begriff sind sich aufzulösen. Mal langsam, ordentlich, Stück für Stück, mal schnell, chaotisch, gleichzeitig. Mal ruhig und gelassen in dezenten Tönen, mal wild und temperamentvoll in ausdruckstarken Farben. Der Mensch entsteht durch 2 kleine Teile, dem Samen und das Ei, und vergeht nach seinem Tode wieder in viele kleinste Teilchen. Doch der Beginn des Zerfalls fängt nicht erst nach unserem Ableben an, sondern ist ein stetiger Prozess, gegen den wir alle nichts tun können. In der Jugend nehmen wir ihn nicht wahr, als Erwachsener ignorieren wir ihn, aber später im Alter wird er umso deutlicher. Womit wir wieder bei meinem letzten Ausstellungsthema wären, dem Lebenskreis. Der Körper eines Menschen mit einer Demenz löst sich auf, seine Seele verwässert, sein Geist verkümmert. Aber seine Sinne bleiben ihm erhalten bis in die letzte Phase seiner Erkrankung. Und das ist die Chance für uns an ihn heranzukommen, zu ihm durchzudringen, mit ihm zu kommunizieren, zu fühlen und zu begreifen, ihn in seiner Seele zu berühren. Ich glaube diese Menschen brauchen ganz besonders Begegnungen, Bewegungen, Berührungen und Begleitung, so wie ich es in meinen Ausstellungen seit vielen Jahren beschreibe. Wer keine Familie, Freunde, gute Bekannte und liebe Nachbarn oder andere fürsorgende Menschen um sich hat verkümmert und geht ein wie eine Pflanze die wir vergessen haben zu gießen. Vergessen wir unsere Mitmenschen nicht, bloß weil sie ihren gesellschaftlichen Nutzen verloren haben, weil sie krank, behindert, psychisch belastet, arm oder alt geworden sind.

Auch wir werden wahrscheinlich sehr alt und sind in ein paar Jahren auf die Hilfe anderer Mitmenschen angewiesen. Wollen wir von unseren Kindern, Enkeln oder Freunden einfach vergessen werden?


[Die meisten Bilder sind 1,20m mal 0,60m groß, die größten, die ich je gemalt habe].                 zurück